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Das, was kommen kann …

Dietrich Fischer-Dieskau †

Küsse-Bisse

Gesicht der Woche: Silke Scheuermann

17. April 2012

Das, was kommen kann …

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18. Mai 2012

Dietrich Fischer-Dieskau †

28. Mai 1925 – 18. Mai 2012

Viel­leicht der bedeu­tendste Lied­sän­ger des 20. Jahr­hun­derts ist gestor­ben, Diet­rich Fischer-Dieskau. Wie immer an die­ser Stelle ehren wir mit dem Werk und nicht mit lan­gen Tex­ten. Schu­bert, der »Lei­er­mann«, aus der Win­ter­reise D.911

M. Schu­mann

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16. Mai 2012

Küsse-Bisse

Patrycia Ziol­kow­ska als »Pen­the­s­i­lea« im Tha­lia in der Gaußstraße

 

Bissfest (Bild: © Matt Cooper - Fotolia.com)
Biss­fest (Bild: © Matt Cooper — Foto​lia​.com)

Ein schwe­rer Text und bei­nahe eine unlös­bare Auf­gabe: Kleists Pen­the­s­i­lea auf einer Stu­dio­bühne. Unser Gast­ko­lum­nist Hans-Jürgen Bene­dict, seit Kur­zem für Reli­gion und Gesell­schaft im HHF ver­ant­wort­lich, war beein­druckt. Eine per­sön­li­che Betrachtung:

Hein­rich von Kleists Pen­the­s­i­lea ist kaum spiel­bar. Ein unge­heu­er­li­ches Stück, das an die Abgründe von Liebe, Gewalt und Zer­ris­sen­heit rührt. Goe­the war ent­setzt von die­sem Hor­ror­drama, ganz das Gegen­stück sei­ner »ver­flucht huma­nen« Iphigenie.

Kleists Drama ist ein Meis­ter­werk der Spra­che. Augen ver­su­chen zu erzäh­len, was sie sehen. Die atem­lo­sen Verse schie­ßen wie ein Kata­rakt dahin. Das Schlacht­feld des Stü­ckes ist eigent­lich die Sprache.

Eine der­ar­tige ebenso verletzlich-zärtliche  wie aufbrausend-wütende Sprach­ge­walt­mu­sik wie diese in der »Ein­rich­tung« von Chris­tina Ratka am Tha­lia in der Gauß­straße habe ich sel­ten erlebt. Es ist die Macht des ago­na­len Kamp­fes, vor allem aber die des ero­ti­schen Begeh­rens, die als Unter­drückte sich in unge­heu­er­li­chen Bil­dern und Ver­glei­chen Bahn bricht und  einen Sprach­raum verschafft.

Die Spra­che ist wie ein wil­der Fluß, der auf sei­nen schäu­men­den Wel­len einen tan­zen­den bekränz­ten Nachen mit irr han­deln­den  Insas­sen vor­an­treibt. Noch hei­ter schön in der Schil­de­rung des Rosen­fests der Ama­zo­nen, erschüt­tert  beim Ster­ben der Mut­ter, dann aufjauchzend-erwartungsvoll in der  Begeg­nung mit dem »Lie­ben, Wil­den, Süßen, Schreck­li­chen«, staunend-zärtlich in dem Ereilt­wer­den durch den Gott der Liebe, grau­sam kalt, gewalt­tä­tig im Auf­bruch zum Kampf.

Patri­cia Ziol­kowskas Pen­the­s­i­lea spricht das alles mit sich immer wie­der stei­gern­der Inten­si­tät, im Auf und Ab der sich wider­strei­ten­den Gefühle, mit flam­men­dem Blick, mit Geschrei und Geflüs­ter. Die Musi­ka­li­tät der Kleist­schen Verse blüht auf. Selbst dort,wo die schänd­li­che Tötung und Abschlach­tung des Achill  detail­liert an der Grenze zur Per­ver­si­tät berich­tet wird.

Ruth Klü­ger hat in einem Arti­kel dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Pen­the­s­i­lea sich mit ihrem nekrophil-perversen Ver­hal­ten von den Prin­zi­pien des Ama­zo­nen­staats ent­fernt, des­we­gen auch das Ent­set­zen ihrer Gefähr­tin­nen über ihr Ver­hal­ten. Ihr aggres­si­ves Han­deln: Hunde het­zen auf den Gelieb­ten und ihn Zer­rei­ßen als koita­len Lie­bes­akt, kor­re­spon­diert dem Achills, der auch in sei­ner Schil­de­rung von  Liebe die Hunde-Metapher ver­wen­det. Beide bege­hen eine Tabu-Verletzung, Achill mit dem Schlei­fen des Leich­nams Hek­tors, Pen­the­s­i­lea in ihrer töd­li­chen Liebes-Raserei.

Es ist ja  merk­wür­dig – die Schau­spie­le­rin spielt eigent­lich nicht, sie steht hin­ter einem Pult, auf dem der Text liegt, in der unwirt­lich aus­schau­en­den Gaußstraßen-Garage. Aber in dem Flusse ihrer Sprech­ge­walt, in dem ernst­haf­ten Blick die­ser gro­ßen Tra­gö­din, in ihren unter­stüt­zen­den Ges­ten  geht einem die schreck­li­che Schön­heit die­ses Tex­tes, die­ses  Liebes-Trauma aus fer­ner und doch so naher Zeit ganz anders auf, als wenn es ein durch­ge­spiel­tes Stück  mit Kos­tü­men und Büh­nen­bild wäre.

Quälend-ungläubig Worte suchend für das Unge­heure, das sie getan: »Mit die­sen klei­nen Hän­den hätt ich ihn-? Und die­ser Mund hier, der die Liebe schwellt. Ach zu ganz anderm Dienst gemacht, als ihn-Die hät­ten lus­tig stets ein­an­der helfend/Mund jetzt und Hand und Hand und wie­der Mund-?«

Als sie begreift dass sie ihn zer­ris­sen, nicht geküßt hat , spricht sie jene beängs­ti­gend nai­ven  Zei­len, die ich, seit ich sie zum ers­ten mal gele­sen, nicht ver­ges­sen kann: »So war es ein Ver­se­hen. Küsse, Bisse/das reimt sich, und wer recht von Her­zen liebt,/Kann schon das eine für das andre greifen.«

Dies nach­ge­holte Lie­bes­be­kennt­nis führt zu einer fast per­vers schö­nen Ima­gi­na­tion – jeman­den aus Liebe fres­sen: »Sieh her, als ich an dei­nem Halse hing/hab ichs wahr­haf­tig Wort für Wort getan./ Ich war nicht so ver­rückt als es wohl schien.«  Schwär­mer, der ich bin, behaupte ich: wenn der Geheim­rat Goe­the Patri­cia Ziol­kow­ska als Pen­the­s­i­lea erlebt und gehört hätte,  viel­leicht hätte er sein nega­ti­ves Urteil über das Stück revidiert.

Post­skript: All sein Unglück und sein Glück, seine Ver­zweif­lung und seine Hin­gabe hat der Dich­ter, dem nach eige­ner Aus­sage »auf Erden nicht zu hel­fen war«, in diese Figur gelegt. In den Sprach­kas­ka­den gibt er der fata­len Lie­bes­hem­mung Aus­druck, die ihn und seine Hel­din bedrängt. Als er in Hen­ri­ette Vogel einen Men­schen, eine Frau fin­det, die ihn zu ver­ste­hen scheint, ist es schon zu spät.  Sie fei­ern ein letz­tes Mal das Leben und las­sen es dann los im gemein­sa­men Selbstmord.

In der Todes­li­ta­nei der bei­den, erst 100 Jahre spä­ter auf­ge­fun­den, drü­cken sie das aus, was sie im Leben nicht leben konn­ten: »O Liebste, wie nenn ich dich.« Man hätte die­sen Penthesilea-Abend sicher­lich auch mit die­ser Lita­nei schöns­ter Lie­bes­na­men im Ange­sicht des Todes been­den kön­nen: »Mein Hein­rich, mein Süß­tö­nen­der, mein Hya­zin­then­beet, …«  – »Mein Jet­t­chen, mein Herz­chen, mein Lie­bes, mein Lebens­licht, …«  Hier, in die­ser blu­mi­gen Lita­nei und dem dar­auf fol­gen­den Selbst­mord erfüllt sich, was jener unge­heure Satz aus Goe­thes Wahl­ver­wandt­schaf­ten benennt: »Wie ein Stern, der vom Him­mel fällt, fuhr die Hoff­nung über ihre Häup­ter hinweg.«

H.-J. Bene­dict

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15. Mai 2012

Gesicht der Woche: Silke Scheuermann

Künst­ler und Pro­mi­nente unter­stüt­zen das HAMBURGER FEUILLETON

Wir haben die Leute gefragt, über die wir schrei­ben, Auto­ren, Schau­spie­ler und Mode­ra­to­ren, was sie vom HAMBURGER FEUILLETON hal­ten und haben erfreu­li­cher­weise immer wie­der posi­tive Rück­mel­dun­gen erhal­ten. Dar­aus ent­stand die Idee zu die­ser klei­nen Aktion: Im Wochen­rhyth­mus wer­den wir jeweils einen Künst­ler vor­stel­len, der das HAMBURGER FEUILLETON mit sei­nem Namen unterstützt.

Silke Scheu­er­mann ist eine der wich­tigs­ten deutsch­spra­chi­gen Lyri­ke­rin­nen der jün­ge­ren Gene­ra­tion. Schon ihr Debüt­band »Der Tag an dem die Möwen zwei­spra­chig san­gen« (2001) wurde mit dem renom­mier­ten Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darm­stadt aus­ge­zeich­nete, inzwi­schen erschie­nen neben den Lyrik­bän­den »Der zärt­lichste Punkt im All« (2004) und »Über Nacht ist es Win­ter« (2007) auch zwei eben­falls viel­be­ach­tete Romane von ihr.

Silke Scheu­er­mann liest das HAMBURGER FEUILLETON.

M. Schu­mann

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14. Mai 2012

Humatomic Energy

Eine Nach­lese zu den 14. Vat­ten­fall Lesetagen

Ham­burg hat inzwi­schen meh­rere Lite­ra­tur­fes­ti­vals, das tra­di­ti­ons­reichste sind die Vat­ten­fall Lese­tage, die in die­sem Jahr zum 14. Mal statt­fan­den. Wir waren wäh­rend der Fes­ti­val­wo­che an fast jedem Abend auf einer der 70 Ver­an­stal­tun­gen des Erwach­se­nen­pro­gramms, um uns ein Bild des Pro­gramms zu machen und außer­dem dem nach­zu­spü­ren, was die lite­ra­tur­ferne Auf­re­gungs­hal­tung, die sich vor und wäh­rend die­ser Woche bei man­chem breit­machte, zu bedeu­ten hatte. Von Ver­ein­nah­mung war da oft die Rede – um es vor­weg­zu­neh­men, indok­tri­niert hat über­ra­schen­der­weise nicht die Ener­gie­in­dus­trie, es sei denn, ein paar Ban­ner mit Logos dar­auf zäh­len dazu. Ein lan­ger Rück­blick auf Hal­tun­gen und Texte.

Bar der Empörung (Bild: HHF)
Bar der Empö­rung (Bild: HHF)

Der Som­mer war heiß, das Gras nicht nur grün und der Mann mit dem Hut und der Gitarre sang. Die Jungs waren in Viet­nam und in Ruß­land war es kalt. Es mußte etwas gesche­hen, über­all, so konnte es nicht weitergehen.

You’ll be dren­ched to the bone/If your time to you/Is worth savin‹/Then you bet­ter start swimmin‹/Or you’ll sink like a stone/For the times they are a-changin‹.

Jahre spä­ter war der Win­ter ver­reg­net, das Früh­jahr ebenso. Der Mann mit dem Hut und der Gitarre sang wie­der. In den Super­märk­ten stan­den Milch­pro­dukte, die sich abwech­selnd links und rechts dre­hen konn­ten. Die Jungs waren in Afgha­nis­tan und in den Woh­nun­gen war es warm. Es mußte etwas gesche­hen, über­all, so konnte es nicht weitergehen.

Diese Hoff­nung schöpfte sicher­lich auch der schwit­zende Mann mit der unauf­fäl­li­gen Out­door­ja­cke in der klei­nen Hotel­bar. Ange­strengt und sicht­lich erregt kramp­fen seine Hände um ein Heft­chen, das er anschlie­ßend zer­reißt. Papier­schnip­sel rie­seln zu Boden und dann folgt er sei­nen vier Mit­strei­tern und geht. Er geht schreiend.

Don’t stand in the doorway/Don’t block up the hall/For he that gets hurt/Will be he who has stalled

Eine Woche vor­her bereits hatte sich eine Gruppe um den fast ver­ges­se­nen Plau­de­rer des deut­schen Kul­tur­fern­se­hens, Roger Wil­lem­sen, geschart, um end­lich, im vier­zehn­ten Jahr sei­nes Beste­hens, die­ses Fes­ti­val abzu­schaf­fen und durch ein eige­nes, natür­lich viel Bes­se­res zu erset­zen. Dazu bot man TV-Prominente einer Mei­nung auf.

Your old road is/Rapidly agin‹

Denn schließ­lich sei es doch vor allem wich­tig, sich zu prü­fen, vor wel­chen »Kar­ren« man sich span­nen ließe, so gab denn Wil­lem­sen schon ein­mal vorab im »Stern« bekannt. Man lese schließ­lich hono­rar­frei, nur für die gute Sache. Sag­ten alle über­ein­stim­mend und kämp­fen alle gegen die Ver­ein­nah­mung der Lite­ra­tur durch den Kapi­ta­lis­mus, durch einen ver­ach­tungs­wür­di­gen Kon­zern. Das war das Thema die­ses Festivals.

Come wri­ters and critics/Who pro­phe­size with your pen/And keep your eyes wide/The chance won’t come again

Essen müs­sen da anschei­nend nur die, die auf der fal­schen Seite sind, eben woan­ders und nicht in Kil­les­berg oder Schwa­bing oder Eppen­dorf den guten Barolo zu schät­zen wis­sen. Und dort erin­nert man sich gewiß gern an den 4. März 2003, als in der Ham­bur­ger Aus­gabe der WELT zu lesen war, daß ein Mann  »mit sei­nem »Kar­ne­val der Tiere« Hei­te­res von heute zwi­schen die schwere Kost« eines Fes­ti­val­pro­gramms brachte. Das Hono­rar war vierstellig.

The slow one now/Will later be fast/As the pre­sent now/Will later be past

Es ist der Vor­abend des Beginns des ande­ren Fes­ti­vals, jenes, auf dem Män­ner­hände mit Papier­schnip­seln wer­fen. An die­sem Abend aber gesche­hen nicht nur Empö­run­gen vor aus­ge­such­tem Publi­kum, es spre­chen auch der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Wer­ner Fuld, Festival-Kuratorin Bar­bara Heine und der Autor Mat­thias Göritz in ihrem lite­ra­ri­schen Salon über Denk­ver­bote und Bücher­ver­bren­nun­gen, Zen­sur und die Macht des Geschrie­be­nen. Es ist der Anfang eines Pro­gramms, des­sen The­men sich über 10 Tage ineinanderfügen.

Wer­ner Fulds Buch ist ein Kom­pen­dium der Geis­tes­ge­schichte ex nega­tivo und ver­lei­tet in nach­auf­klä­re­ri­scher Zeit gele­gent­lich zum Schmun­zeln über die dunk­len, ver­gan­ge­nen Zei­ten. Es ist die­ses aber das starre Grin­sen des Schre­ckens, dabei ver­gesse man  nicht, daß neben den Schei­ter­hau­fen der bren­nen­den Büche zuwei­len auch die Auto­ren brann­ten, im Ange­sicht der Ver­nich­tung ihrer Werke. Von ande­ren pein­li­chen Bestra­fun­gen weiß Fuld auch zu berich­ten, die Geschichte der ver­bo­te­nen Gedan­ken, die in Büchern nie­der­ge­legt wur­den, ist voll davon. Aber gescha­det hat es den Gedan­ken nicht, in der Regel war das ver­bo­tene Werk ein begehr­tes Werk.

*

Einer der in Deutsch­land stets in die Ecke des spitzweghaft-pittoresken gestell­ten Auto­ren ist Charles Dickens. Der Rest des Bil­dungs­bür­ger­tums noch »A Christ­mas Carol« und dann noch den Titel »David Cop­per­field« – alle ande­ren den­ken dabei eher an einen Las Vegas-Entertainer, der ein­mal mit einem deut­schen Mode­mäd­chen liiert gewe­sen sein soll. Aber im eng­lisch­spra­chi­gen Raum ist der Erzäh­ler und Roman­cier Charles Dickens ein Name wie Don­ner­hall. Er fehlt hier­zu­lande, der Name wie das Werk.

In diese Lücke stößt Hans-Dieter Gel­ferts Bio­gra­phie des Eng­län­ders, die er zusam­men mit Mat­thias Göritz vor­stellt. Im Pro­gramm­heft steht etwas von Mode­ra­tion. Das ist falsch. Der Autor und Dich­ter Göritz ist ein eben­bür­ti­ger Gesprächs­part­ner des Ber­li­ner Lite­ra­tur­pro­fes­sors. Was wie ein aka­de­mi­scher Dia­log daher­kom­men mag, dazu noch in einem holz­ge­tä­fel­ten Vor­trags­raum der Staats– und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek mit dem Charme einer Anna-Viebrock-Bühne, ist in Wahr­heit ein mun­te­res Gespräch zweier Beschla­ge­ner und Begeis­ter­ter – der Dich­ter, der immer wie­der aus Werk und Lite­ra­tur extem­po­riert und neue Bezüge schafft, und der Experte, der frei ste­hend im Saal erzählt und aus sei­nem Buch zitiert. Das ist keine Lesung, es geht nicht um das Buch, es geht um einen ande­ren Autor, des­sen erzäh­le­ri­sche Meis­ter­schaft und sozial-dichten Gen­re­be­schrei­bun­gen nicht nur die bei­den fas­zi­nie­ren. Die­ser Autor muß gele­sen wer­den, auch in Deutschland.

*

Vol­ker Hinz, einer der wich­tigs­ten Pho­to­gra­phen der alten Bun­de­re­pu­blik und viel­ge­ehrt, hält Abstand. Ein paar Meter wei­ter sitzt ein klei­ner Greis, mit einem auf­fal­len­den wei­ßen Voll­bart, einen braun­ro­ten Sei­den­schal locker über dem schwar­zen Anzug gehängt. Er erzählt, seine Spra­che ist Fran­zö­sisch, um ihn herum sit­zen ein paar Men­schen aus der Buch– und Ver­lags­szene, die ihm zuhö­ren. Am nächs­ten Tag wird seine Toch­ter ein Buch vor­stel­len, das Buch sei­nes Lebens.

Der alte Mann ist Adolfo Kaminsky, gebo­ren 1925, das Buch heißt »Ein Fäl­scher­le­ben«. Er hat ein Talent – das Talent, Papiere täu­schend echt zu repro­du­zie­ren. Adolfo Kaminsky war der Meis­ter­fäl­scher der Resis­tance, die Falsch­geld­fa­brik der alge­ri­schen FLN, der Papier­be­schaf­fer des Wider­stands gegen fast alle Ter­ror­re­gimes der Nach­kriegs­zeit. Er ver­brachte sein hal­bes Leben damit, mit die­sen Papie­ren Men­schen vor Ver­fol­gung und Bedro­hung zu ret­ten, aber nahm nie Geld dafür.

Seine Toch­ter Sarah ent­deckte seine Ver­gan­gen­heit erst, als sie schon erwach­sen war, und schrieb die­ses Buch. Er sagt zu den Umsit­zen­den: »Viel­leicht hilft ihr das Buch und meine Frau muß nicht mehr so viel arbei­ten.« Ein paar­mal nur löst die Kamera von Vol­ker Hinz aus. Am nächs­ten Tag, auf der Ver­an­stal­tung, wird deut­lich, daß es nur Momente sind, die ein Men­schen­le­ben in die eine oder andere Rich­tung brin­gen. Hel­den­ge­schich­ten ent­ste­hen nicht aus Absicht, sie passieren.

*

»Da habe ich Hoff­nung“, meint der Autor und Jour­na­list Mar­tin Häuss­ler. Er hat eine ganze Reihe von mehr oder weni­ger bekann­ten Per­sön­lich­kei­ten zum Thema Angst befragt, her­aus­ge­kom­men sind erstaun­li­che Por­traits zu einem außer­or­dent­lich deut­schen Thema, das inzwi­schen sprich­wört­lich ist für eine bestimmte Art der kol­lek­ti­ven Reak­tion und für das Zau­dern ange­sichts gro­ßer Themen.

Seine Hoff­nung fußt, ein wenig dif­fus, auf dem Public-Viewing– und Atom­aus­stiegs­deutsch­land, auf dem Quent­chen Bewe­gung im gesell­schaft­li­chen Gefüge, das er wahr­zu­neh­men glaubt. So heißt denn sein Repor­ta­ge­band auch »Fürch­tet Euch nicht!« Seine Hoff­nung ist aller Ehren wert.

Glaubt man aller­dings der Fami­li­en­the­ra­peu­tin Gabriele Baring, dann ist die Hoff­nung noch weit und der Deut­sche hat noch viel zu tun in der Auf­ar­bei­tung sei­ner per­sön­li­chen wie gesell­schaft­li­chen Ängste. Sie gehörte zu den Inter­view­ten des Häussler-Buches und die­ses Gespräch gab den Anstoß zu ihrem Buch »Die gehei­men Ängste der Deut­schen«. Gabriele Baring ist eine vehe­mente Ver­tre­te­rin ihrer The­sen und auch ihrer Therapierichtung.

Sie ist Schü­le­rin des umstrit­te­nen Bert Hel­lin­ger, des­sen sys­te­mi­sche Fami­li­en­auf­stel­lun­gen kri­ti­sche Geg­ner­schaft her­vor­ruft. Fra­gen danach beant­wor­tet sie eher aus­wei­chend, aller­dings – ob nun das Gegen­mo­dell »Tetra­lem­maar­beit« oder Hel­lin­gers »Sys­te­mi­sche Fami­li­en­auf­stel­lung« – tut das der Grund­these ihres Buches kei­nen Abbruch.

Baring hat in ihrer Pra­xis mit vie­len Angst­phä­no­me­nen zu tun gehabt, und sie beschreibt in vie­len Fall­bei­spie­len, wie sie durch ihre Auf­stel­lungs­ar­beit mehr und mehr an Über­zeu­gung gewinnt, alle diese Ängste seien inner­fa­mi­liär über­tra­gen worden.

Ihr Thema sind die Kriegs­en­kel, die dritte Gene­ra­tion derer, die ihr Leben unter dem Schat­ten bei­der Welt­kriege, die von deut­schem Boden aus­gin­gen, gestal­ten müs­sen. Gabriele Baring sieht jene aktu­el­len Ängste, die in ihrer Arbeit behan­delt wer­den, in der Tra­di­tion der trau­ma­ti­sier­ten Vor­fah­ren – die Enkel müs­sen die Pho­bien der Kriegs­ge­ne­ra­tio­nen aufarbeiten.

Diese Idee ist an sich nicht neu, schon vor 6 Jah­ren beschäf­tigte sich die Köl­ner Jour­na­lis­tin mit den »Kriegs­kin­dern« und den Fol­gen für die Nach­ge­bo­re­nen. Neu ist vor allem Barings Ana­lyse der gesell­schaft­li­chen Situa­tion, deren Grund­lage all diese über­tra­ge­nen Trau­mata sind – über­tra­gene Ängste als läh­men­des Moment der deut­schen Gesell­schaft. Mög­li­cher­weise hat sie damit eines der wich­tigs­ten Sach­bü­cher die­ser Jahre geschrie­ben, allen dog­ma­ti­schen Dis­pu­ten zum Trotz.

*

Pira­ten, Pira­ten, Pira­ten. Natür­lich denkt man bei einem, der mal Wired-Redakteur war, an die, die ein Dasein als Sys­tem­ad­mi­nis­tra­to­ren haben und behaup­ten die Welt müsse trans­pa­rent sein.

Und wenn dann der Roman auch noch eine Art Zukunfts­vi­sion mit digi­ta­ler Tech­nik ist, noch mehr – Science-Fiction oder so, irgend­wie cool, einer der über implan­tierte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ein­rich­tun­gen schreibt. Doch Ben­ja­min Stein ist kein Nerd und sein klei­ner Roman »Replay“, eigent­lich eher eine Erzäh­lung, wider­setzt sich hart­nä­ckig den doo­fen Kli­schees, die man so gerne über Inter­net, Pro­gram­mie­rer und all das dif­fuse Halb­wis­sen über und in der »Netz­welt« ver­brei­ten möchte.

Das Buch ist eine sprach­lich aus­ge­feilte Ver­suchs­an­ord­nung zur Wirk­lich­keit und deren Wahr­neh­mung, Texte, die mit »Ich fürchte mich vor Erschei­nun­gen, die ich nicht selbst erfun­den habe« begin­nen, und damit ihre Bedeutungs-Welt in einem Satz ein­krei­sen, gehö­ren nicht zu den schlech­tes­ten. Und der Autor ist alles andere als eine Leit­fi­gur des zur Zeit Modischen.

*

»Hi, i’m Bob.« Wer so hemds­är­me­lig von einem Nobel­preis­trä­ger begrüßt wird, weiß, es han­delt sich um genau die Spe­zies elo­quen­ter ame­ri­ka­ni­scher Wis­sen­schaft­ler, die der ernst­neh­mende Deut­sche nicht ken­nen mag. Robert B. Laugh­lin hat 1998 einen Nobel­preis für Phy­sik bekom­men und er hat ein Buch geschrie­ben, das sich mir den Ener­gie­pro­ble­men der Zukunft beschäftigt.

Ein kur­zer Abriß – in der eng­lisch­spra­chi­gen Wis­sen­schafts­welt heißt so etwas »Abstract« – mit ein paar ein­gän­gi­gen Folien muß dem deut­schen Publi­kum als Ein­füh­rung in das Thema rei­chen, dann geht es in die vom Wis­sen­schafts­jour­na­lis­ten Gerald Trau­vet­ter (SPIEGEL) betreute Dis­kus­sion mit dem Publikum.

Die eben­falls gela­de­nene Greenpeace-Gründerin, ehe­ma­lige nie­der­säch­si­sche Umwelt­mi­nis­te­rin und jet­zige Kreuzfahrer-Mitarbeiterin Monika Grie­fahn hatte urplötz­lich und völ­lig über­ra­schend erfah­ren, daß sie genau an die­sem Abend an einer Preis­ver­lei­hung teil­neh­men müsse und konnte des­halb nicht an die­sem Gespräch teilnehmen.

Wobei Dis­kus­sion eigent­lich zu viel gesagt ist, in klas­sisch sokra­ti­scher Frage– und Ant­wort­tech­nik nimmt »Bob« gerne ein­mal eine Frage vor­weg und beant­wor­tet sie gleich. Kurz und knapp geht der Phy­si­ker die bekann­ten Ener­gie­er­zeu­gungs­for­men mit sei­nem deut­schen Publi­kum durch. Im Grunde sei das Gros der Ener­gie­ge­win­nung ja nur »Feuer«, also die Umwand­lung von einem in den ande­ren Aggre­gat­zu­stand, meint er, nichts Neues seit der Stein­zeit, auch die Atom­en­er­gie fiele dar­un­ter. Die mache im übri­gen unan­ge­neh­men Müll, den man nicht weg­be­komme, das andere »Zeug« CO².

Wind­en­er­gie sei prima, aber wehen täte ja auch nicht immer und der Ener­gie­be­darf moder­ner Indus­trie­ge­sell­schaf­ten sei eben kon­stant. Ein paar zag­hafte Ein­würfe kom­men aus dem Publi­kum, ein paar der nicht ganz so wüten­den Ener­gie­kon­zern­kri­ti­ker haben sich offen­bar in die Ver­an­stal­tung gewagt. Und was denn mit Gezei­ten­kraft­wer­ken sei, fragt da einer.

Liegt ja auch nahe, schließ­lich ist das Was­ser nie weit ent­fernt in Ham­burg. Ja, das sei eine gute Idee, meint der Phy­si­ker. Man wisse ja, daß die Erd­ro­ta­tion von der beweg­li­chen Masse des Was­sers auf der Erde abhän­gig sei, ver­ur­sacht durch die Anzie­hungs­kraft des Mon­des. Ent­ziehe man diese Ener­gie, würde sich die Erd­ro­ta­tion ein­fach ver­lang­sa­men. Das sei phy­si­ka­li­sches Gesetz. Sie scheint nicht so ein­fach zu sein, die Sache mit der Ener­gie, da müs­sen wir uns wohl noch was ein­fal­len lassen.

And the first one now/Will later be last/For the times they are a-changin‹.

Und falls jemand fragt, ja, es ist Dylan.

M. Schu­mann

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